Anmerkungen zu den Bundesjugendspielen

Die Bloggerin Christine Finke („Mama arbeitet“) hat auf change.org eine Petition online gestellt, die fordert, die Bundesjugendspiele abzuschaffen oder freiwillig zu gestalten. Sie führt an, dass sich Schüler*innen, die in diesem Wettkampf schlecht abschneiden, vor ihrer Peergroup gedemütigt fühlen und Misserfolge demotivierend wirken und den betroffenen Schüler*innen den möglichweise falschen Eindruck vermitteln, sie seien prinzipiell unsportlich. Außerdem wird eine Kritik an dem Bewertungssystem geübt, das die individuellen körperlichen Voraussetzungen der Kinder nicht berücksichtigt, aber dafür ohne wissenschaftliche Grundlage schon bei Kindern, die noch nicht in der Pubertät sind, nach Geschlecht diskriminiert. (1)

Trotz dieser nachvollziehbaren Argumente stößt die Petition auf zum Teil geradezu empörte Ablehnung. Viele Gegner*innen betonen die Bedeutung des Sports und eines guten Körpergefühls für Kinder und Jugendliche, oft verbunden mit abwertenden Bemerkungen unsportlichen Menschen gegenüber. Dabei wird jedoch nicht zur Kenntnis genommen, dass die Petition gerade die Bedeutung von Sport betont und daher verhindern will, dass Kinder durch die Bundesjugendspiele demotiviert werden. Wer ohnehin gerne Sport macht, braucht keine Bundesjugendspiele. Wer nicht gerne Sport macht, kommt durch jährliche Blamagen vor seinen/ihren Mitschüler*innen wohl kaum auf den Geschmack.

Es gibt jedoch ein weiteres, oft geradezu aggressiv vorgetragenes Argument der Gegner*innen. Die Befürworterinnen der Petition seien Helikoptermütter, die ihre unsportlichen Kinder in Watte packen wollten – interessanterweise werden Väter in diesem Zusammenhang kaum erwähnt. Kinder müssten nun mal Frustrationen und Niederlagen wegstecken, es müsse nun einmal jemand der Schlechteste sein und überhaupt seien die Spiele ja eine gute Vorbereitung für die Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft. Wenn man alle frustrierenden oder demütigenden Erfahrungen von Kindern fernzuhalten versuche, könne man ja gleich auch den Mathematikunterricht abschaffen. Diese Haltung ist auf mehreren Ebenen fatal:

  1. Für die meisten Jugendlichen halten Schulzeit und Pubertät ohnehin viele Frustrationen bereit. Selbst wenn man also darin eine wichtige Erfahrung sieht, gibt es keinen Grund, künstlich weitere zu schaffen.
  2. Es gibt ja immer noch den Sportunterricht, der übrigens auch benotet wird. Die Schüler*innen wären also weiterhin gezwungen, sich mit Sport auseinander zu setzen, auch wenn Ihnen eine jährliche Demütigung erspart bleiben würde. Die polemische Parallele zur Mathematik sagt hier übrigens mehr aus als die Petitionsgegner*innen beabsichtigen: Wie beim Sport besteht bei der Mathematik das Problem, dass viele Schüler*innen den Eindruck bekommen, sie könnten das alles sowieso nicht und daher jegliche Motivation verlieren. Man darf vermuten, dass eine verpflichtende Teilnahme an der Mathematik-Olympiade, wobei alle Mitschüler*innen das Ergebnis mitbekommen, diese Situation nicht verbessern würde.
  3. Eine regelmäßige und absehbare demütigende Erfahrung ist gerade keine Möglichkeit, den konstruktiven Umgang mit Niederlagen zu erlernen. Natürlich sollten Schüler*innen darauf vorbereitet sein, nicht zu verzweifeln, wenn sie zum Beispiel später einen Job nicht bekommen, aber nicht darauf, sich immer wieder auf den selben Job bewerben zu müssen, obwohl sie sich selbst als chancenlos sehen.
  4. Die Reichsjugendwettkämpfe wurden 1920 von dem Sportfunktionär Carl Diem begründet. Diem war Militarist. Ihm ging es explizit um einen pädagogischen Ersatz für die durch den Versailler Vertrag verbotene Wehrpflicht. 1933 pries er Sport als Mittel der „Nationalerziehung“ und der „Erziehung zur Opferfreudigkeit“. Noch im März 1945 hielt er eine Rede vor Mitgliedern der Hitler-Jugend, die er unter expliziten Hinweis auf den Sport zur Opferbereitschaft bis zum Ende aufrief. Es ist sicherlich ein Beispiel für die mangelnde Entnazifizierung in  der BRD, dass trotz alledem Diems Jugendwettkämpfe als „Bundesjugendspiele“ 1950 wieder eingeführt worden sind. In Diems Konzeption erscheint Sport als die Vorbereitung auf einen natürlich gegebenen Kampf der Nationen und Rassen. Der modernen, liberalen Gesellschaft wird vorgeworfen diese notwendige Vorbereitung zu erschweren. So schimpfte Diem bereits 1913 über die „liberale Wabbligkeit“ der „Judenpresse“ und ihre Zersetzende Wirkung. (2) Diese Ideologie steht am Anfang der Bundesjugendspiele. Natürlich teilen deren heutigen Befürworter*innen, von offenen Neonazis abgesehen, Diems Weltbild nicht. Aber es gibt ein Parallele zwischen Diems Vorstellung des sportlichen Wettkampfs als Übung für den militärischen Kampf und der in der aktuellen Debatte vertretenden Position von, dass Kinder durch sportlichen Wettkampf auf dem ebenfalls als von Natur aus vorhanden verstandenen Wettkampf in der Leistungsgesellschaft vorbereitet werden müssen. „Alles Leben ist Wettkampf“ (3), tönt Hajo Schumacher bei Spiegel-Online und Alexandra Kraft schreibt in ihrem Blog „Das Glück ist ein Turnschuh“, der sich auf der Seite der Stern findet: „Das Leben ist ein Wettbewerb. Wir sollten nicht so tun, als sei das nicht so.“ (4) Das ganze Leben? Liebesbeziehungen? Freundschaften? Denken? Kunst? Bildung? So wird die Bedeutung von Wettbewerben im Leben grotesk übertrieben und für unabänderlich erklärt. Und ganz so als ginge es in der Erziehung nur darum, wie es ist und nicht auch darum wie es sein sollte oder sein könnte, sollen Kinder an Wettbewerb gewöhnt werden, bis sie gar nicht mehr auf die Idee kommen, dass ein Leben mit weniger Wettbewerb eventuell viel lebenswerter wäre und dass Glück nur vielleicht doch mehr als ein Turnschuh sein könnte. Sicherlich sollte man den tatsächlichen pädagogischen Einfluss der Bundesjugendspiele auf Kinder und Jugendliche nicht überschätzen, aber dass die Diskussion über ihre Abschaffung auch gleichzeitig zu einer Diskussion über eine den Zeitgeist angepassten Variante von Diems Erziehungsidealen geworden ist, ist vielleicht das beste Argument für ihre Abschaffung.

(1) https://www.change.org/p/petition-bundesjugendspiele-abschaffen-manuelaschwesig, aufgerufen am 01.07.2015

(2) Schäfer, Ralf: „Carl Diem und der deutsche Sport in der Ambivalenz der Moderne“, 17.09.2012, http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/carl_diem_und_der_deutsche_sport_in_der_ambivalenz_der_moderne?nav_id=3976, aufgerufen am 02.07.2015. Alle Zitate Diems und alle biographischen Daten sind Schäfers Essay entnommen.

(3) Schumacher, Hajo (als „Achim Achilles“): „Debatte um Bundesjugendspiele: Der Wettkampf muss bleiben“, http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/bundesjugendspiele-bloss-nicht-abschaffen-a-1040917.html, aufgerufen am 02.07.2015

(4) Kraft, Alexandra: „Bundesjugendspiele? Ja bitte!“, Blogeintrag In: „Das Glück ist ein Turnschuh“, http://blogs.stern.de/dasglueckisteinturnschuh/bundesjugendspiele-ja-bitte, aufgerufen am 02.07.2015

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Die Deutschen, Griechenland und die Krise

Was die Deutschen nicht an Varoufakis stört

Egal was die Syriza-Regierung und ihr Finanzminister Varoufakis den Deutschen auch sagen, die Reaktion ist Ignoranz. Schildert Varoufakis die desaströsen Auswirkungen der bisherigen Sparpolitik, interessiert das niemanden. Auf seine Ausführungen in der Talkshow von Günther Jauch am 15. März, gab es keinerlei Reaktion eines anderen Gastes. (1) Kommt die Sprache auf nicht geleistete Reparationen und nicht zurückgezahlte Zwangskredite aus der Zeit der deutschen Besatzung, gibt man sich empört. Allein das Erwähnen dieses Sachverhalts und nicht etwa ihre eigene Weigerung, die berechtigten griechischen Ansprüche zu begleichen, gilt vielen Deutschen als ewiggestrig und uneuropäisch. Die deutsche Haltung ist amoralisch in dem Sinne, dass sie verleugnet, dass die Krisenpolitik überhaupt eine moralische Dimension hat. Man darf annehmen, dass ein Teil dieser demonstrativen Ignoranz dem eigenen schlechten Gewissen geschuldet ist. Warum man diesem offenbar vorhandenen schlechten Gewissen aber nicht nachgibt, erfordert eine weitergehende Erklärung. Diese Ignoranz erstreckt sich dabei nicht nur auf Forderungen der Moral, sondern auch auf alle rationalen Vorschläge zur Lösung der Probleme. So bleibt man auch taub, wenn Varoufakis zum Beispiel darauf hinweist, dass Griechenland seine Staatsausgaben durchaus schultern könnte und dass es allein der Schuldendienst ist, der Griechenland überfordert. Wenn solchen Argumenten überhaupt Gehör geschenkt wird, heißt es achselzuckend, die Griechen hätten ihre Chance gehabt. Ein Tweet von Erika Steinbach vom 26. Januar fasst die deutsche Haltung gut zusammen: „Hauptsache, Schulden werden bezahlt!!!” (2)

Es wäre allerdings zu oberflächlich, in der deutschen Haltung nur eine weltanschaulich motivierte Abwehr linker Ideen zu sehen. Denn in Varoufakis‘ Positionen findet man wenig, was man als “sozialistisch” oder “links” bezeichnen kann: Höhere staatliche Hilfe soll es für niemanden geben, dessen Einkommen oberhalb der Armutsgrenze liegt. Der Haushalt soll, wenn man vom Bedienen der alten Kredite absieht, ausgeglichen sein. Korruption und Steuerhinterziehung sollen zwar bekämpft werden, aber die Sphären der Ökonomie und der Moral sollen getrennt blieben. Es handelt sich bei all diesen Punkten gerade nicht um ein Programm zur Abschaffung oder zur Reform der Kapitalismus, sondern um im Kern liberale Forderungen. Auch die Ressentiments, die Varoufakis zweifelsfrei pflegt, etwa der Antizionismus oder das Gerede von Bankern und Reichen als „Heuschrecken“, die über die griechische Wirtschaft herfielen, können schwerlich der Grund für die deutsche Ablehnung sein, werden sie doch in den deutschen Medien kaum thematisiert.

Griechenland und der deutsche Nationalismus

Für das schlechte Bild Griechenlands in der deutschen Öffentlichkeit gibt es schlicht keine sachlichen Gründe, sondern es beruht zum einen auf einer kolonialistisch-nationalistischen Haltung und zum anderen auf dem Ressentiment gegen vermeintlich Hilfsbedürftige. Es ist eine kolonialistische Haltung, wenn die Deutschen den Griechen unterstellen, kein Recht zu haben, der deutschen Regierung zu widersprechen. Schon die Wahl von Syriza und deren Ankündigung, mit der vorherigen Politik zu brechen, gilt den Deutschen in erster Linie als aufmüpfig und Aufmüpfigkeit als absolut inakzeptabel. Nur so lässt sich die Posse um die Frage, ob Varoufakis, bevor er Finanzminister wurde, den Mittelfinger gezeigt habe und in welchem Kontext dies geschehen sei, verstehen. Die Geste gilt als Sakrileg, egal wie irrelevant sie von einem sachlichen Standpunkt aus sein mag.

Die Krise der griechischen und die relative Stärke der deutschen Wirtschaft gilt den Deutschen spätestens seit den „Hilfspaketen“, also jenen Krediten, mit denen die Banken, die Griechenland zuvor Geld geliehen hatten, vor Verlusten bewahrt wurden, als Signal, dass Griechenland sich nun in Abhängigkeit seiner Geldgeber und vor allem Deutschlands befinde. Die Einsetzung der „Troika“ als eine Art nicht gewählter Gegenregierung ist sogar ein typisches Merkmal des Verhaltens einer Kolonialmacht.

Vor diesem Hintergrund mag es auf den ersten Blick überraschen, dass die Forderung nach einer deutschen Hegemonie in Europa, die Varoufakis erhoben hat, in Deutschland nicht offener aufgenommen wurde, obwohl sie doch dem deutschen Nationalismus schmeicheln müsste. Allerdings handelt es sich bei der Hegemonie, die Varoufakis fordert, eben nicht um die Möglichkeit, die eigenen Interessen nach Belieben durchzusetzen, sondern um eine Verantwortungsübernahme für andere. Für einen solchen Anspruch, das eigene Machtinteresse mit einer ordnenden Rolle zu verbinden, waren und sind einige Nationen, wie das Vereinigte Königreich, durchaus empfänglich. Dass dieser moralische Anspruch dabei immer auch ideologische Verkleidung des partikularen Machtinteresses ist, bedeutet nicht, dass er in der Praxis folgenlos bleibt. Der deutsche Nationalismus kommt allerdings völlig ohne diesen Anspruch aus, so dass Varoufakis mit seinem sicher auch taktisch in den deutschen Medien platzierten Vorschlag nichts zu gewinnen hat. Die gegenwärtige deutsche Außenpolitik ist prinzipiell moralisierend und nicht moralisch.

Hartz IV für Griechenland

Allerdings spielt auch das deutsche Ressentiment gegen Hilfsbedürftige eine Rolle. Die Deutschen erklären sich die Welt gerne so: Durch die Agenda 2010 und den mit ihr verbundenen Hartz IV-Reformen habe Deutschland Opfer gebracht, auf Grund derer es jetzt den verdienten wirtschaftlichen Spitzenplatz in Europa einnehme. Dass der Zusammenhang zwischen den Reformen und der wirtschaftlichen Situation Deutschlands zumindest zweifelhaft ist und dass diejenigen, denen diese Opfer auferlegt wurden, keineswegs diejenigen sind, die von der wirtschaftlichen Lage profitieren, gerät dabei in Vergessenheit. In Griechenland, so heißt es, habe es keine Entsprechung zur Agenda 2010, keine Entsprechung zu Hartz IV gegeben und so lange das so bleibe, seien die Griechen selbst schuld an ihrer Misere.

Schon die Hartz IV-Reformen selbst sind von der Idee geprägt, Leistungsempfänger_innen für ihr Schicksal bestrafen zu müssen. Erst wer gelobt, jede Arbeit zu verrichten, wer die eigene Privatsphäre aufgibt, wer sich dem Sachbearbeiter auszuliefern bereit ist, soll gnädigerweise seinen Lebensunterhalt bekommen. Es ist daher durchaus symptomatisch, dass sich die Bürokratie gerade hier von ihrer hässlichsten Seite zeigt und es für viele Leistungsempfänger_innen ein regelrechter Kampf ist, zu bekommen, was ihnen zusteht. „Im Liberalismus galt der Arme für faul, heute wird er automatisch verdächtig.“ (3) Passend zur rechtlichen Reform hat sich auch die Einstellung der Bevölkerungsmehheit geändert. War Arbeitslosigkeit und das Angewiesensein auf Sozialhilfe früher ein Schicksal, so gilt Hartz IV heute als Stigma.

In diesem Sinne ist die Behauptung, es müsse auch in Griechenland Hartz IV-Reformen gegeben, in letzter Konsequenz auch die Forderung nach Strafe für die Griechen. Der häufige Hinweis, dass der Lebensstandard in der Slowakei noch geringer sei als in Griechenland, trägt zwar nichts zur Lösung der Krise bei, soll aber aufzeigen, dass es noch Luft nach unten gäbe und es den Griechen noch zu gut ginge. Es geht in der deutschen öffentlichen Debatte gar nicht um die Lösung eines Problems, sondern um die scheinbar verdiente Strafe für Hilfsbedürftigkeit. Dass Varoufakis hingegen gerade über das Lösen eines Problems sprechen will, können die Deutschen einfach nicht akzeptieren.

(1) Die in diesem Artikel referierten Positionen Varoufakis‘ wurden von ihm unter anderem ebenfalls in dieser Sendung vorgetragen.

(2) https://twitter.com/SteinbachErika/status/559792631254110208, aufgerufen am 04.04.2015

(3) Adorno, Theodor W.; Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung, Fischer 2003, S. 159

Je Suis Charlie!

Die zwölf Opfer des Massakers an der Redaktion von Charlie Hebdo waren:

Stéphane Charbonnier

Jean Cabut

Georges Wolinski

Bernard Verlhac

Philippe Honoré

Mustapha Ourrad

Elsa Cayat

Bernard Maris

Michel Renaud

Frédéric Boisseau

Franck Brinsolaro

Ahmed Merabet

Die vier Opfer der Geiselnahme in dem jüdischen Supermarkt waren:

Yoab Hattab

Yohan Cohen

Philippe Braham

François-Michel Saada

Das Entsetzen über die sechzehn Morde, die Trauer über die sechszehn Toten, und das Gefühl, sich mit den Opfern und ihrem Werk solidarisieren zu wollen, sind zwar die einzigen angemessenen Reaktionen auf den Anschlag, aber leider nicht die einzigen: Vollkommen verrückt ist etwa, die Morde als Anlass zunehmen, sich ästhetisch über die Karikaturen von Charlie Hebdo zu äußern, sie etwa als platt oder geschmacklos zu kritisieren, als wäre das von irgendeiner Relevanz. Es ist widerlich, wenn rassistische und fremdenfeindliche Gruppierungen wie PEGIDA die Opfer für ihre Propaganda missbrauchen. Zu kritisieren sind aber auch die Stimmen, die im Zusammenhang mit den Anschlägen in erster Linie daran denken, dass PEGIDA oder ähnliche Gruppen durch das öffentliche Entsetzen Zulauf bekommen könnten. Auch wenn die Sorge an sich berechtigt ist, bleibt dies ebenfalls eine unangemessene Reaktion, die den Opfern nicht gerecht wird. Wer in diesem Zusammenhang lieber über PEGIDA als über die Mörder, ihre Ideologie und auch ihre Religion reden will, versucht das Massaker nicht zu begreifen und kann es letztendlich auch nicht angemessen verurteilen.

Drei Reaktionen müssen nun in allen liberalen Demokratien auf das Massaker folgen. Die erste liegt in polizeilicher Arbeit. Man muss das Umfeld der Täter unter die Lupe nehmen und alle bestrafen, die von ihren Plänen gewusst haben. Redaktionen, die von Fanatiker_Innen bedroht werden, müssen permanent unter Polizeischutz stehen, wie es leider auch bei allen jüdischen Einrichtungen in Deutschland nötig ist.

Die zweite notwendige Reaktion liegt in der Verteidigung der Meinungsfreiheit und Blasphemie. Die Täter dürfen durch das Massaker nichts erreichen. Die Karikaturen von Charlie Hebdo müssen nun eine größere Verbreitung finden, als sie vor den Anschlägen hatten. Jetzt müssen neue Satiren geschrieben und neue Karikaturen gezeichnet werden, möglichst geschmacklos und ohne Rücksicht auf verletzte Gefühle. Es ist schlicht zivilisiertes Verhalten, empört darauf zu reagieren, wenn die Gefühle eines Menschen verletzt werden, indem seine Persönlichkeit angegriffen wird. Die Sache liegt aber dann grundsätzlich anders, wenn versucht wird, ein Weltbild mit dem Hinweis auf verletzte Gefühle für sakrosankt zu erklären, um sich so jeder rationalen Diskussion zu entziehen. Der Hinweis auf nicht zu verletzende Gefühle schließt immer schon – ausgesprochen oder nicht – die Drohung mit Gewalt ein. Denn wer, anstatt zu diskutieren, darauf verweist, gekränkt worden zu sein, suggeriert damit auch, er sei rationalen Argumenten nicht zugänglich und habe sich im Zweifelsfall nicht unter Kontrolle. Wer so einem Pochen auf verletzte Gefühle nachgeben will, heißt das Massaker zwar nicht zwangsläufig gut, kann es aber letztendlich nicht verurteilen. „Wer die Tat mit ‚Aber‘ verurteilt, rechtfertigt sie“, schreibt Deniz Yücel (1).

Drittens muss man sich fragen, was die Mörder zu ihrer Tat gebracht hat. Die beiden Dschihadisten waren nicht nur Verrückte, sondern hatten auch eine benennbare Ideologie. Es ist natürlich richtig, dass man zwischen dem Islamismus und dem Islam und sogar zwischen den Dschihadismus der Mörder und anderen Formen des Islamismus unterscheiden muss. Wer aufhört, zu differenzieren, übt keine Kritik, sondern hat Ressentiments und wer versucht allen Muslimen kollektiv die Schuld an dem Anschlag zuzuschreiben, ist ein übler Hetzer. Das bedeutet aber nicht, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Ideologie der Mörder und ihrer Religion gäbe. Die katholischen Piusbrüder, deren politische Idealvorstellung irgendwo zwischen dem franquistischen Spanien und einer christlichen Variante des Irans liegt, sind sicher nicht repräsentativ für das Christentum. Aber eine Kritik der Piusbrüder ist nicht möglich ohne einen Verweis auf den christlichen Antijudaismus und Antisemitismus, die lange theokratische Tradition der katholischen Kirche und die christlichen Feindschaft gegenüber Frauen, Homosexuellen und der Lust. In genau dem gleichem Sinn, ist eine Kritik des Islamismus nicht möglich, wenn man sich nicht auch mit dem Islam auseinandersetzt. Matthias Küntzel nennt in seinem vor dem Pariser Massaker geschriebenen Essay „Islam, Totalitarismus und Kritik“ folgende Merkmale des Islams als Anknüpfungspunkte für totalitäre Ideologien:

  • Der Ursprünglichkeitsanspruch, also das Geschichtskonstrukt, nachdem schon Noah und Abraham Muslime gewesen seien, was den Islam über das Juden- und Christentum erhebe,
  • die Aufforderung, Ungläubige zu töten, die sich im Koran findet,
  • die Vorstellung, dass der Koran als absolute Wahrheit direkt von Gott stamme und
  • die Fixierung aufs Jenseits, die eine Verachtung für das Leben und eine Liebe zum Tod darstellt.

Man muss auf solche Dinge hinweisen können. Man muss dabei bleiben, dass extreme Auswüchse der Religion nicht zufällig sind, sondern mit der Religion zusammenhängen, die sie hervorgebracht hat. Sonst setzen sich die Mörder damit durch, dass Religion niemals Gegenstand von Kritik sein darf.

Nachtrag:

Ich habe die Liste der Opfer um die Opfer der Geiselnahme ergänzt und “Totalitarismus” durch “totalitäre Ideologien” ersetzt. Außerdem gibt es ein paar Dinge, die ich gerne expliziter ausdrücken möchte als im obigen Beitrag::

  1. Moderne und liberale Muslime spielen eine Schlüsselrolle im Kampf gegen den Islamismus. Der Satz „Der Islam hat nichts mit dem Islamismus zu tun“ ist berechtigt und notwendig, wenn er normativ gemeint ist im Sinne eines „Ihr gehört nicht zu uns“, wenn er also die Verbindung zwischen dem Islam und dem Islamismus gerade brechen will. Er ist nur falsch, wenn er deskriptiv gemeint ist und behauptet, dass faktisch kein Zusammenhang zwischen Islam und Islamismus bestünde, um den Islam gegen Kritik abzuschirmen. Aktionen wie #notinmyname sind großartig und unterstützenswert!
  2. Das Pariser Massaker muss im Kontext der weltweiten Morde gesehen werden, die von Islamist_innen täglich begangen werden. Es handelt sich also weder um ein Einwanderungs- noch um ein Integrationsproblem. Der Kampf gegen den Islamismus muss immer ein Kampf gegen den weltweiten Islamismus sein.
  3. Einige Karikaturen von Charlie Hebdo sind rassistisch in ihrer Bildsprache, auch wenn Charlie Hebdo sich gegen Rassimus gewandt hat. Dieser Befund ändert allerdings nichts daran, dass das Magazin allein für seinen religionskritischen Inhalt angegriffen worden ist. Der Satz „Je Suis Charlie!“ bleibt daher wichtig. Er hat ja nie ausgedrückt, dass man sich vollkommen mit Charlie Hebdo identifiziert hat oder es nichts kritikwürdiges ihn dessen Werk gibt. Es geht darum, sich auch angegriffen zu fühlen, wenn jemand auf Grund des Gebrauchs des Rechts auf Meinungsfreiheit und Blasphemie ermordet wird.

(1) Yücel, Deniz: „Je sui Charlie Hebdo“ – Jede Menge falsche Freunde, http://taz.de/Kommentar-Je-suis-Charlie-Hebdo/!152463/, aufgerufen am 10.01.2015

(2) Küntzel, Matthias: Islam, Totalitarismus und Kritik, http://www.perlentaucher.de/essay/islam-totalitarismus-und-kritik.html, aufgerufen am 10.01.2015

Fußball, Weihnachten und Erziehung zur Härte

Die lose Sammlung von Sprach- und Verhaltensregeln, von Haltungen und Minimalpositionen, die man als „politische Korrektheit“ bezeichnet, konnte die unmenschlichen Ideologien, gegen die sie sich richtet, nicht verschwinden lassen. Sie konnte sie allerdings zwingen, sich zu verstecken. In politischen Kommentaren und im Feuilleton findet man sie häufig nur noch verkleidet. Offen treten sie hingegen dort noch zutage, wo die politische Korrektheit wenig gilt, etwa beim Sport. So ist eine Glosse wie „Lasst Eure Kinder nicht Bayern-Fans werden!“, in der Lars Wallrodt in der Welt dafür plädiert, dass man einem Kind den Weihnachtswunsch nach einem Trikot von Bayern München nicht erfüllen solle, nicht wegen ihres Inhalts interessant, sondern wegen der Vorstellungen, die darin zum Ausdruck kommen. Dass die Glosse, wie es das Genre verlangt, „mit einem Augenzwinkern“ geschrieben ist, ändert daran nichts, sondern erlaubt diesen Vorstellungen nur, sich im Schutz des vermeintlichen Humors noch offener zu zeigen.

Das Auffälligste an Wallrodts Argumentation ist, was mit keinem Wort erwähnt wird: Kein Wort davon, dass man den Wunsch des Kindes zumindest in Erwägung ziehen sollte, weil es sein authentischer Wunsch ist. Von einem gewissen Punkt in der kindlichen Entwicklung an sind Wünsche des Kindes mehr als zufällige Momentaufnahmen, nämlich Ausdrücke seiner Entscheidungen und damit seiner Persönlichkeit. Es ist nun die Aufgabe der Eltern, ihr Kind durch die Erfüllung dieser Wünsche bei der Entwicklung zu einem autonomen Menschen zu unterstützen, was immer auch einschließen muss, dem Kind Raum für eigene Fehler zu geben, ob es den Eltern nun gefällt oder nicht. Es gibt natürlich oft gute Gründe, einen Wunsch dennoch nicht zu erfüllen. Aber Eltern, die nicht zumindest überlegen, ob nicht die Entscheidung ihres Kindes wichtiger ist als irgendeines ihrer Prinzipien, bringen ihm schlicht keinen Respekt entgegen.

Bei Wallrodt wird die Frage nach der kindlichen Entscheidung indirekt damit beantwortet, dass betont wird, die Frage nach dem Lieblingsverein sei eine, deren Tragweite das Kind nicht abschätzen könne:

Denn anders als Arbeitsstelle, Lebenspartner oder Automarke ist der Lieblingsklub nicht austauschbar. Mit ihm ist der Mensch ein Leben lang verbandelt wie mit der eigenen Haut. Sie mag Falten kriegen, doch ablegen kann sie niemand. Selbst wenn man das manchmal gern möchte. (1)

Man kann getrost darüber hinweggehen, dass die Vorstellung, irgendein Trikot würde eine Lebensentscheidung vorwegnehmen, schlicht zu absurd ist, um ernst gemeint zu sein. Die Frage, die sich allerdings aufdrängt, ist die: Wenn man sich schon lebenslänglich an einen Fußballverein binden muss, warum nicht an Bayern München? Wallrodts Antwort auf diese Frage ist immerhin wesentlich angenehmer als das klassische Ressentiment, dass Bayer München die Alleinschuld an der Kommerzialisierung des Profifußballs trage und sein Erfolg auf dunklen Machenschaften beruhen müsse. Für solchen Unsinn ist Wallrodt dann doch zu liberal. Ihm gilt umgekehrt der Erfolg des FC Bayerns, des „Leuchtturm[s] der sportlichen Dominanz und wirtschaftlichen Vernunft“ (1), als Beweis, dass dieser Erfolg auch verdient sein muss.  Der Grund, warum man dennoch nicht Fan sein sollte, sei folgender:

Denn wie sollen die Heranwachsenden etwas über das harte Leben lernen, wenn ihr Verein sie nicht fordert? Jedes Wochenende müssten sie Siege bejubeln, jeden Sommer die Meisterschaft feiern. […] Wer so aufwächst, wird sich wundern, wenn er auf dem Schulhof zum ersten Mal verdroschen wird.“ (1)

Es ist klar, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens lernen muss, mit Frustrationen umzugehen. Aber ein Kind, das sich wirklich nicht wundert, wenn es regelmäßig „verdroschen“ wird – und „zum ersten Mal“ impliziert ja gerade die regelmäßige Wiederholung – wird entweder daran zerbrechen und niemals Selbstvertrauen entwickeln oder es selbstverständlich finden, auch andere zu verprügeln. In „Erziehung nach Ausschwitz“ schreibt Adorno:

Dies Erziehungsbild der Härte, an das viele glauben mögen, ohne darüber nachzudenken, ist durch und durch verkehrt. […] Dass gepriesene Hart-Sein, zu dem da erzogen werden soll, bedeutet Gleichgültigkeit gegen den Schmerz schlechthin. Dabei wird zwischen dem eigenen und dem anderen nicht einmal so sehr fest unterschieden. Wer hart ist gegen sich, der erkauft sich das Recht, hart auch gegen andere zu sein, und rächt sich für den Schmerz, dessen Regung er nicht zeigen durfte. (2)

Man darf sich keine Illusionen darüber machen, dass Wallrodt, ob er will oder nicht, genau diese von Adorno kritisierte Erziehung zur Härte propagiert.  Darüber wie er darauf kommt, geben die weiteren Enttäuschungen Auskunft, auf die der Fußball einen Menschen vorbereiten müsse. Neben Liebeskummer und dem Umwandeln der Stammkneipe in eine Cocktailbar findet sich dort der Fall, dass „der Chef den Firmengewinn in seinen dritten Ferrari investiert statt in Auszubildende.“ (1) Das Weltbild, das sich hier zeigt, kann man mit einem Begriff von Felix Bartels als „autoritären Liberalismus“ bezeichnen. (3) Die klassischen Liberalen wollten die Menschen noch befreien, indem sie eine kapitalistische Gesellschaft mit so wenigen Regeln wie möglich schaffen. Auf die richtige Einsicht, dass dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist, reagieren autoritäre Liberale dadurch, dass sie den Menschen so zurichten wollen, wie es die von ihnen gewünschte Gesellschaft erfordert. Der Mensch soll also die Zumutungen durch den Arbeitgeber wie die Prügel auf dem Schulhof als durch Naturgesetze gegeben hinnehmen und nicht einmal eine Vorstellung davon haben können, dass es auch anders sein könnte.

(1) Wallrodt, Lars: Lasst Eure Kinder nicht Bayer-Fans werden!, http://www.welt.de/sport/fussball/bundesliga/article135107186/Lasst-eure-Kinder-nicht-Bayern-Fans-werden.html, aufgerufen am 20.12.2014

(2) Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz. In: Kulturkritik und Gesellschaft, Band II, Suhrkamp, 1977

(3) Bartels, Felix: An jeder Ecke Vegetarier und Kommunisten!, http://www.neues-deutschland.de/artikel/954691.an-jeder-ecke-vegetarier-und-kommunisten.html, aufgerufen am 27.12.2014